Handwerkskammer Erfurt

Interview mit Magdalena Szypa

Magdalena Szypa: Die HWK Erfurt engagiert sich seit Jahren für die Gewinnung von Ausbildungs- und Beschäftigungsinteressierten mit Migrations- und Fluchthintergrund und deren Integration in das Mittel- und Nordthüringer Handwerk. Aufgrund des sich gewerkübergreifend verschärfenden Fachkräftemangels versucht die HWK Erfurt, neue Fachkräftepotenziale für ihre Mitgliedsbetriebe zu erschließen. Neben zahlreichen Maßnahmen zur Berufsorientierung, zum Nachholen von Berufsabschlüssen, zur Ansprache von Studienaussteiger*innen sowie zu attraktiven Bildungsmodellen gehört auch die Gewinnung von Nachwuchsfachkräften aus dem Ausland dazu. Im Handwerk zählt nicht, woher man kommt, sondern wohin man will. Zugewanderte sind in einer beruflichen Bildung im Handwerk ebenso willkommen wie junge Menschen, die bereits in Deutschland leben.

Die HWK Erfurt rief bereits 2020 die Initiative Ausbildungsbotschafter ins Leben, um Schüler*innen an Schulen im Kammerbezirk jugendgerecht gemäß dem Peer-to-Peer-Ansatz anzusprechen. Die Botschafter*innen des Handwerks sollen nun im Rahmen der Initiative gezielt Personen mit Migrationshintergrund ansprechen, die bisher im Ehrenamt unterrepräsentiert sind.

Magdalena Szypa:

  • Jugendliche in Sprachkursen / Maßnahmen der Agentur für Arbeit / im Übergangsbereich
  • Schüler*innen im BVJS an Schulen im Kammerbezirk
  • Ausbildungsinteressierte Bewerber*innen aus dem Ausland
  • Gesellinnen und Gesellen mit Migrationshintergrund, die über eine Selbstständigkeit nachdenken

Magdalena Szypa: Handwerk ist bunt: Verschiedene Biografien, Sprachkenntnisse und kulturelle Einflüsse prägen das Thüringer Handwerk heute. Diese Initiative trägt dazu bei, dass mehr Personen mit Flucht- und Migrationshintergrund von den Chancen und Möglichkeiten der dualen Aus-, Weiter- und Fortbildung erfahren und die Vielfalt der Ausbildungsberufe und Karrierechancen kennenlernen. Somit leistet sie einen Beitrag zur Steigerung der Attraktivität der beruflichen Bildung und zur Nachwuchssicherung im Mittel- und Nordthüringer Handwerk.

Magdalena Szypa: Die Botschafter*innen sind Lehrlinge, junge Gesellinnen und Gesellen und Betriebsinhaber*innen mit Flucht- und Migrationshintergrund, die Spaß an ihrem Beruf haben und ihre Erfahrungen als Vorbilder mit anderen teilen möchten. Der reale Kontakt mit den Botschafter*innen aus dem Berufsleben baut Unsicherheiten beim Übergang in Ausbildung und Arbeit ab, ermöglicht authentische Vorstellungen vom Berufsleben und motiviert Personen mit ähnlichen Biografien. Die eigenen Erfahrungen sowie die Mehrsprachigkeit und kulturelle Kompetenz der Botschafter*innen bilden dafür eine exzellente Grundlage.

Magdalena Szypa: Die Botschafter*innen

  • stärken ihre persönlichen, sozialen und fachlichen Kompetenzen
  • bekommen eine professionelle Beratung für die Planung ihrer eigenen Karriere
  • erhalten Schulungen im Bereich Präsentations-/Moderationstechniken und Kommunikation
  • erhalten ein Zertifikat, das ihr persönliches Engagement bescheinigt
  • sind Teil eines regionalen Handwerksnetzwerks und
  • erhalten durch erste Erfahrungen im Ehrenamt ein solides Handwerkszeug für späteres ehrenamtliches Engagement, z. B. in Prüfungsausschüssen der Kammern

Magdalena Szypa: Die die Botschafter*innen entsendenden Handwerksbetriebe leisten einen Beitrag zur Nachwuchs- und Fachkräftesicherung, erhöhen ihren eigenen Bekanntheitsgrad und können so auch weitere Bewerber*innen für offene Lehrstellen und Arbeitsplätze gewinnen. Darüber hinaus profitieren sie von den neuen Kompetenzen ihrer Lehrlinge/Mitarbeitenden, die diese zum Beispiel im Kundengespräch anwenden können.

Magdalena Szypa: Als Erstes wurden die Handwerksbetriebe kontaktiert, an welche die HWK Erfurt bereits Interessierte in Ausbildung oder Beschäftigung vermittelt hat bzw. welche im Anerkennungsverfahren ihrer ausländischen Fachkraft begleitet wurden. Darüber hinaus wurden weiterführende Informationen im internen und externen Netzwerk der HWK Erfurt gestreut. Dazu gehören Kreishandwerkerschaften, Berufsberater*innen der regionalen Agenturen für Arbeit, Jugendmigrationsdienste, die KAUSA-Landesstelle Thüringen und viele weitere Netzwerkpartner. Abgerundet wurde die Ansprache der Botschafter*innen und der Unternehmen, in denen sie tätig sind, durch eine gezielte Öffentlichkeitskampagne.

Magdalena Szypa: Die Botschafter*innen werden nach Absprache mit ihrem Betrieb in einer Klasse oder auf Veranstaltungen zur Berufsorientierung eingesetzt. Auch ortsunabhängige Online-Formate spielen heutzutage eine immer größere Rolle. Sie informieren vorwiegend Gleichaltrige umfassend über ihren Weg zum Wunschberuf, den Ausbildungsalltag und Aufstiegsperspektiven. Praxisnah und zielgruppengerecht beantworten sie auch die Fragen des jeweiligen Publikums.

Magdalena Szypa:  Die Initiative wird an mehreren Schnittstellen im Bereich Bildung umgesetzt. Die Botschafter*innen bzw. Betriebe werden grundsätzlich aus den Reihen der Teilnehmer*innen der Projekte Willkommenslotse des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz sowie des Gemeinschaftsprojektes FIF (Förderung der beruflichen Integration ausländischer Fach- und Arbeitskräfte) des Freistaats Thüringen gewonnen. Dank einer guten Vernetzung mit den Kolleginnen und Kollegen im Außendienst werden geeignete Betriebe auf die Initiative direkt angesprochen bzw. der Koordinierungsstelle der HWK Erfurt vorgeschlagen. Die Qualifizierung wird in Zusammenarbeit mit dem ZWH-Team umgesetzt. Durch gezielte Ansprache von Schulen (u. a. Vorschaltklassen, BVJS, Sprachschulen) und Migrantenorganisationen erhalten diese die Möglichkeit, ihre Einsatzbedarfe zu melden. Sowohl die Anmeldung der Botschafter*innen (über die Betriebe) als auch der Einrichtungen erfolgt online über https://www.hwk-erfurt.de/ausbildungsbotschafter.

Magdalena Szypa: Besonders hervorzuheben sind die Koordinierungsarbeiten durch das IQ-Teilprojekt der ZWH als auch zahlreiche Arbeitshilfen, welche in die laufenden Arbeitsprozesse der Fachbereiche unserer Kammer leicht integriert werden können, aber auch das Angebot an Referent*innen für Schulungen und technischen Tools für Beratungen und Workshops mit den Botschafter*innen, welche eine erfolgreiche Umsetzung der Initiative im Kammerbezirk erleichtern. So können handwerkliche Vorbilder mit einer Migrationsgeschichte zielgruppengerecht gewonnen und begleitet werden. Aufgrund des demografischen Wandels ist der Gedanke, kulturelle und sprachliche Potenziale von Zugewanderten zu nutzen, indem sie als Multiplikator*innen im Handwerk eingesetzt werden, einzigartig. Des Weiteren trägt die Initiative dazu bei, die gesellschaftliche Teilhabe von Zugewanderten zu stärken, was einen zusätzlichen integrativen Charakter hat.

Magdalena Szypa: Interviews mit den Botschafter*innen sowie perspektivisch kurze Videosequenzen aus der Arbeitspraxis können uns helfen, die Initiative im Netzwerk durch konkrete Beispiele bekannter zu machen und sie mit Leben zu füllen. Wir freuen uns auf die vielen Ideen, die wir im Netzwerk gemeinsam entwickeln werden!

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Ihre Ansprechpersonen helfen Ihnen gerne weiter:

HWK-Erfurt Ansprechperson: Magdalena Szypa

Magdalena Szypa

Regionale Koordinierung der Initiative

Grundsatzaufgaben Bildung

mszypa@hwk-erfurt.de

Tel.: +49 361 67 07 5111

HWK-Erfurt Ansprechperson: Ina Bechmann

Ina Bechmann

Regionale Koordinierung der Initiative

Projekt FIF

iBechmann@hwk-erfurt.de

Tel.: +49 361 67 07 5341

Aileen Reichenbach

Regionale Koordinierung der Initiative

Projekt Willkommenslotsen

areichenbach@hwk-erfurt.de

Tel.: +49 361 67 07 5460

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